Die E-Mail erreichte mich im Büro und ich überflog sie zunächst.
Die Schulleitung der Schule meiner Töchter - der Schule also, die ich auch vor Urzeiten besuchte - teilte darin allen Eltern mit, dass sich ein Zehntkläßler getötet hatte und die Schülerinnen und Schüler diese Information heute in der Aula erfahren hätten.
Seelsorger seien zugegen gewesen und wir Eltern wurden gebeten, mittels Gesprächen zu Hause aufzufangen, was aufzufangen sei.
Erst einige Tage später erfuhr ich, dass der Jugendliche sich keine 500 Meter von hier entfernt auf die Schienen gelegt hatte.....
Ich wache nachts auf.
Nach wenigen Stunden Schlaf, wache ich nachts auf und stecke wieder in meiner Schulzeit.
Wir sind in der achten Klasse. Jung, unbefangen, unbeschwert.
Zum ersten Mal verliebt, mit Schmetterlingen im Bauch und allen nur denkbaren sonstigen Klischees.
Heimliches Händchenhalten und heimliche Treffen im Park.
Briefchen und viel Unsicherheit. Verlegene Blicke.
Er, ein Außenseiter, einziger Migrant, italienischer Abstammung.
Ich, eine Außenseiterin, Klassenclown und Arbeiterkind.
Dinge, die man nicht vergisst, wenn Lehrer immer wieder hämisch darauf aufmerksam machen.
Es war im Kunstunterricht an einem Freitag, als wir uns stritten.
Ich weiß heute nicht einmal mehr, worum es in dem pubertären Streit ging.
Nichtigkeiten, die in der pubertären Welt zu Dramen wurden - nehme ich an.
Das Geodreieck, das er mir zum Zeichnen geliehen hatte, zerbrach er, als ich es ihm zurückgab und erklärte dabei lapidar:
"Das brauche ich sowieso nicht mehr...!"Und dann war er verschwunden.
Ich erinnere mich an viele Anrufe und das gesucht wurde.
Ich erinnere mich daran, dass ich trotzig und sauer war - auf ihn - natürlich.
Ich hatte Liebeskummer.
Und ich erinnere mich noch an den Anruf, der am Sonntag kam, als ich erfuhr, dass er sich vor den Zug gelegt hatte.
Einfach so, geplant, mit Abschiedsbriefen, die Tage später eintrudelten.
Der Montag in der Schule war ein Nebelmontag.
Ich sah alles durch dichte Wolken und es drang nichts richtig zu mir vor.
Ich hatte am Sonntag die Fragen meiner Eltern ausgehalten und viel telefoniert.
Es war der Tag, an dem ich zu Schreiben begann. Alleine, für mich.
Und montags wussten es die Lehrer noch nicht.
Wir gingen zum Lehrerzimmer und erzählten es unserer Deutschlehrerin, einer wunderbaren Frau, der einzigen Lehrerin, der wir es anvertrauen mochten.
Wir standen vor dem Lehrerzimmer und sagten ihr, L. habe sich umgebracht.
Ich glaube, wir weinten, aber ich erinnere mich nicht.
Ich erinnere mich, dass niemand mit uns redete.
Es gab weder Seelsorger, noch Gespräche, die auffingen, was in uns vorging.
Der Platz in der Klasse blieb einfach leer.
Einfach so.
Wir waren 14 oder gerade 15 und wahrscheinlich hätte ich einfach jemanden gebraucht, der mich in den Arm nahm.
Aber da waren nur Vorwürfe, Schuldzuweisungen und gähnende Leere.
Ich durfte nicht mit zum Friedhof. Daran erinnere ich mich noch.
Die Eltern wollten das nicht.
Ich kannte sie nicht einmal, die Eltern.
Und ich hatte auch ihn niemals richtig gekannt.
Das große Alleinsein traf mich unvorbereitet. Alleinsein mit einer Sorge, einer Last, einem Problem, das niemand mit mir bereden wollte.
Und das große Nachdenken begann.
Heute würde ich sagen, das war der Moment, in dem sich mein Herz verschloss.
Ich hielt die Vorwürfe aus und die bösen Kommentare über dumme, junge Menschen, die ihr Leben wegwarfen.
Ich hielt eine Familie aus, die über nichts anderes mehr reden konnte, in abwertenden Bemerkungen und Tiraden.
Die eigene Tochter gänzlich übersehend.
Und ich hielt mich aus.
Mitunter die schwierigste Aufgabe.
Und nun, nach 29 Jahren, wiederholt sich das Leben.
Wieder legt sich ein junger Mensch auf die Schienen und wieder werden sich irgendwo Herzen verschließen.
Vielleicht nicht in der Gänze, wie damals, denn die Schule hat sofort reagiert.
Es waren Menschen vor Ort, die Ohren und Zeit für die Kinder hatten und haben.
Ich bin froh, dass Schule sich verändert hat.
Und ich bin fassungslos über die Trostlosigkeit, die ein junger Mensch in sich spüren muss, um sein Leben zu beenden.
Es ist nachts. Ich wache auf und kann nicht mehr schlafen. Und ich stelle mir vor, was wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre....