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Einträge vom: 23.01.2013

behindert versus krank

Ich taste mich langsam und misstrauisch an diesen neuen Lebensbereich heran und das Internet mein Medium ist, habe ich erst einmal nach Blogs geschaut, die zum Thema pasen.
Zunächst landete ich hier.  Ich klickte mich so durch die Seiten und las unter anderem die Rubrik "Schwerhörigkeit verstehen".
Anschließend fiel ich in eine mittelschwere Depression, nur aufzufangen durch Unmengen von Schokolade, die leider nicht im Hause war, also ging ich duschen.....

Das Spannende an Blogs ist ja immer, dass man die Vielseitigkeit von Lebenswegen und Bewältigungsprozessen mitverfolgen kann.
Mal passt es und man fühlt sich in einem Blog sofort heimisch, mal hilft nur rasche Distanz zur Schonung des eigenen Seelenheils.
In diesem Falle zog ich es nach halbstündigem Lesen vor, zu gehen.

Ich mag nicht in unendlicher Traurigkeit, uferlosem Frust und einer echten Depression enden - das ist nicht mein Weg.
Ich weiß, da werden diese Momente und Augenblicke kommen, aber solange es mir gelingt auch die komischen Momente wahrzunehmen und das Positive, solange ist mein Leben lebenswert, unabhängig von Krankheit oder Behinderung.
Krank, so las ich nun an vielen Stellen heraus, krank bin ich nicht, sondern behindert.

Nö.
Das gefällt mir nicht.
Krankheit ist mir sympathischer. Es hat nicht so etwas Endgültiges, dafür diese gewisse Prise Leid, mit der man bei den Mitmenschen punkten kann.

"Komm, nimm eine Wärmflasche, leg dich ins Bett und ruh dich aus!"

Gut, das mit der Wärmeflasche wird nicht funktionieren und das Ausruhen bringt das Gehör auch nicht wieder auf 100%, aber das mit der Behinderung klingt so nach Einschränkung und auch wenn das der Realität entspricht, bin ich da jetzt nicht unbedingt ein Freund von.....

Vor allem ist das so ein sensibles Thema. Man weiß nie, wem man auf die Füße tritt und  was man wie formulieren darf und überhaupt.
Bei einer Krankheit ist das irgendwie einfacher.
Also ich will lieber ohrkrank sein - nicht, dass ich es mir aussuchen könnte.

Ich las dann auch davon, wie Schwerhörige sich für ihre Schwerhörigkeit entschuldigen. Und ich habe mal überlegt, wie ich in den letzten Monaten damit umgegangen bin.

Wenn ich etwas nicht verstanden habe, also akustisch, dann sagte  ich immer freundlich "Wie bitte?" und so, als verstünden meine Mitmenschen nicht, ergänzte ich immer noch erklärend: "Ich höre so schlecht!"

Meistens kam dann ein witziger Spruch und wir lachten gemeinsam - immer annehmend, dass ich lediglich ein Dreckohrenproblem habe und keine ernsthafte Hörstörung.
Also Hörstörung ist doch auch mal ein gutes Wort.

Ich kann mich mit vielen neuen Adjektiven schmücken: krank, behindert, gestört.
Letzteres vermuteten etliche Personen schon lange, selbstverständlich zu Unrecht.
;-)

Vielleicht gibt es aber auch so etwas wie eine Schwerhörigenetikette, die ich hier gerade breche, nur weil ich noch gar keine Ahnung habe in diesem Bereich.
Ich meine, das wäre natürlich nicht gerade ein grandioser Einstand in die Welt der Schwerhörigen, wenn ich voll ins Fettnäpfchen trete.

Andererseits würde es sehr gut zu mir passen und ganz ehrlich, ich bin totale Anfängerin, da kann man mir das auch nicht wirklich übel nehmen.

Vorhin sprachen wir am Abendbrottisch über Hörgeräte und ich erklärte - ohne jegliche Ahnung - dass ich das schon irgendwie hinkriegen werde.
Der Optimismus unserer Jüngsten dazu war grandios:

"Ja klar, Mama", sprach das Kind "du kriegst zwar nicht mal den Fernseher an, aber mit so einem Hörgerät willst du klar kommen!"

Die Ironie - oder war es eher Sarkasmus - schwebte förmlich über den Abendbrottisch.
Aber, meine Lieben, eines vergesst ihr:

Wenn ihr alle an Altersschwerhörigkeit erkrankt (ist das dann auch behindert?) und euch mit 87 mühsamst an das Teil im oder am oder ums Ohr herum gewöhnt, mit ich schon lange Hörgerätjunkie, kenne mich bestens aus.
Tja, wer kommt da  wohl zu wem, um um Hilfe zu bitten......






augenBloglich 23.01.2013, 20.00| (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL | einsortiert in: körperlich

Gedämpfte Welt

Waren Sie schon einmal schwerhörig? Nein? Nun, ich kann es auch nicht unbedingt empfehlen. Genauer gesagt, ich habe schon jetzt, einen Tag nach der Diagnosestellung, die Nase voll. So eine Schwerhörigkeit braucht doch kein Mensch.

Meine Brille zum Beispiel - ja, ich höre nicht nur schlecht, ich sehe auch noch schlecht - stört ja niemanden, da niemand (außer ich selbst) von diesem Teil betroffen ist.
Mit so einer Schwerhörigkeit ist das anders, es nervt die Mitmenschen.
Also jetzt natürlich nicht alle Mitmenschen, aber viele.
Denn, fragt man ständig höflich nach, weil man etwas nicht verstanden hat, verlieren die einen schnell die Lust ihre Aussage zu wiederholen und speisen einen mit: "Schon okay, war nicht so wichtig!" ab, während die anderen entnervt die Augen rollen und einen wahlweise für blöd oder einfach nur für anstrengend halten.

Ich kann das übrigens verstehen. Meine Lust, Sätze mehrfach zu wiederholen, weil mein Gegenüber mich nicht versteht, schwindet auch rapide schnell und ich wäre ganz sicher auch der Typ Mensch, der dann zu einem "Schon okay!" tendieren würde.
(Daran kann man übrigens mal sehen, wie belanglos das Meiste ist, was man so von sich gibt, wenn es nichtmal der Wiederholung wert ist.)

Jedenfalls ist so eine Schwerhörigkeit ja mal in erster Linie mühsam und wer müht sich schon gerne ab?

Dass ich schlecht höre, habe ich  seit dem Herbst gemerkt. Das Radio musste zunehmend lauter gedreht werden, Spülmaschinenpiepsen und Waschmaschinenende hörte ich grundsätzlich sozusagen gar nicht und neulich war es dann das Telefon im Nachbarraum, das ich nicht hörte, wohl aber mein Gegenüber.
Gespräche sind zuweilen anstrengend, manchmal rate ich auch einfach, was mein Gegenüber sagt oder nicke verständig, ein wenig im Dunkeln tappsend, worum es gerade wohl geht.

Natürlich hatte ich schon längst eine Diagnose gestellt: Ohrenschmalz. Selbstverständlich kann das nur am Ohrenschmalz liegen, denn das habe ich mir in all meinen 43 Lebensjahren ja noch nie entfernen lassen.
Es verstopft also alles, so nahm ich an, und darum also mein eher dumpfes Gehör.
Dieses Gefühl ähnlich wie beim Tauchen.
Oder wenn das Flugzeug abhebt.....

Der Arzt wollte sich nun aber partout nicht meiner Meinung anschließen.
Also saß ich in diesem schalldichten Zimmer und machte brav diverse Hörtests.

"Es kann losgehen!", sagte ich dann auch der freundlichen Dame hinter dem Mischpult, als ich schon eine geraume Weile mit diesem Drücker in der Hand da saß und darauf wartete, dass ich drücken konnte, weil ich etwas hörte....

"Öhm", sprach die Dame "wir sind schon mittendrin."

Nett auch dieser Test, bei dem man Zahlen und Wörter nachsprechen muss, die man hört.
Das ist so ähnlich wie beim Sehtest, wenn man anfängt zu raten. "Hm, tja, vielleicht ein C?"
Ich habe also munter alles nachgeplappert, gut, manche Worte kamen mir jetzt seltsam vor, aber bitteschön, ich sollte ja alles, was ich hörte nachsprechen.

In diesem Raum mit Teppich am Boden, an den Wänden, an der Decke sitzt man also da und spricht: "Spott, Arm, Kopf, Fluch, Kreuz, reich....."
Immer in der Hoffnung, man trifft einigermaßen das, was da über den Kopfhörer in Ohr gelangt.
Ich fand mich gut.

Ehrlich.
In der zweiten Runde verstand ich alles wunderbar und schwupps, schon dachte ich, alles halb so wild, wenn es laut genug ist verstehe ich doch alles wunderbar.

Die Schalldichterraumtestdame fand das nicht gut, sondern maximal ausreichend.

Und der Arzt eröffnete mir dann, dass ich nur noch 40% Hörvermögen habe.
Ups.
Gut, es hätte jetzt nicht nochmal seiner expliziten Auführung: "Ein normaler Mensch hat 100 %!" bedurft. Das 40 jetzt eher wenig ist, das war mir wohl direkt klar und ehrlich, ich hätte meine Ohrenschmalzdiagnose irgendwie bevorzugt.

Vor allem: Er hatte es ja noch nichtmal mit dem Ohrenschmalz herausprockeln probiert.
Ich persönlich finde ja, das hätte er ruhig mal tun sollen, aber da ich weiß, wie blöd es ist, wenn sich Fachfremde in den eigenen Job mischen, hielt ich mich mit meinen Eigendiagnosen und Behandlungswünschen zurück.

"Woher kommt denn das?", wollte ich nun aber doch wissen und ich fand die Antwort: "Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich kann nur die Diagnose stellen." jetzt doch ein bisschen dürftig.

Die Frage nach der erblichen Vorbelastung konnte ich dann ja wiederum nicht beantworten, da ich so als Adoptivkind keine Ahnung von dem habe, was meine Familie da an Vorgeschichte mitbringt.
Ich beginne anzunehmen, dass das auch besser so ist.

Also erhielt ich viele bunte Scheine mit vielen Kurven, die mir (noch) gar nichts sagten und man empfahl mir auf Nachfrage einen Akustiker, den ich auch direkt aufsuchte und für Freitag einen Termin vereinbarte.

So. Das war es also. Kurz und schmerzlos. Ich bin schwerhörig und brauche Hörgeräte auf beiden Ohren.

Ich hatte die Diagnose entspannt aufgenommen, denn irgendwie war es irgendwo ja auch klar gewesen - trotz aller Ohrenschmalztheorie.

Die Entspannung ging mir dann im Laufe des Tages ein wenig verloren, als mich so ein kleiner Selbstmitleidschauder überkam und ich einige Tränen verdrücken musste.
Gut, die Hörgeräte an sich sind ja nun nicht schlimm. Ich trage Brille, ich leiste mir ein Doppelkinn, die Hörgeräte fallen da (rein optisch) jetzt auch nicht mehr groß ins Gewicht. Was aber, so kam mir in den Sinn, wenn mein Gehör ganz schwinden wird?

Ich meine, ich habe mir da nie groß Gedanken drüber gemacht.
Man sieht, man hört, man riecht, man schmeckt und diese Lebensselbstverständlichkeiten stellt man nicht infrage oder denkt großartig darüber nach.
Bis gestern.

Also wenn ich jetzt bei 40 % bin und schon über die Hälfte des geräuschvollen Lebens an mir vorbeigeht, was geschieht, wenn das Gehör immer schlechter wird und nach und nach ganz verschwindet?

Ich fing an darüber nachzudenken und kam zu dem Schluss, dass ich besser erst drüber nachdenke, wenn das mal aktuell wird.
Ich meine, ich denke auch nicht darüber nach, was ist, wenn mir morgen ein Stein auf den Kopf fällt.
Gut, die Wahrscheinlichkeit ist jetzt vielleicht auch minimal geringer, aber besser ist es, man nimmt es, wie es kommt und wer weiß schon heute, was morgen ist?

So weise tröstete ich mich und trocknete meine Tränen und bemühte mal das Internet.
Neee, das braucht doch auch kein Mensch.
Jetzt bin ich schwerhörig und habe keine Ahnung von Schwerhörigkeit.
Sowas kann ich ja schonmal gar nicht haben.

Wenn ich mir schon so eine Krankheit zulege, dann muss ich auf jeden Fall alles darüber wissen, was es darüber zu wissen gibt.
Aber wo fängt man an?

Eigentlich finde ich, ich hör ganz gut.
Vielleicht ist das eine Fehldiagnose?
Oder der Arzt hat einen Vertrag mit dem Hörgerätemenschen oder so?

Aaah, die Meisterin des Verdrängens kommt wieder zum Vorschein.
Wenn ich etwas gut kann, dann das: Verdrängen.

Obwohl ich natürlich den Spruch: "Schlecht hören konntest du schon immer gut!" auch sehr oft um die Ohren gepfeffert bekomme.
Und nun ist es offiziell: Stimmt!

Ich las also hier und dort und informierte meine Familie und alle, die es wissen sollten und stieß da jetzt eher auf "taube Ohren" - nein, wie passend.

Hilfreich sind in jedem Fall Kommentare wie: "Das hab ich dir schon immer gesagt!" oder auch Ursachenforschung wie: "Wärste früher mal nicht immer in die lauten Discos gegangen!"

Schön auch diese total genervten Menschen, die so tun, als höre man absichtlich schlecht, nur um sie zu ärgern.

Okay, ich gebe zu, wenn man eine Brille bekommt fragt auch niemand: "Gott, wie fühlst du dich denn jetzt damit!"

(Oder hätte mich das jemand gefragt, hätte ich ihn mindestens für gaga gehalten.)

Aber so ein klein bisschen Mitgefühl hätte doch schon gut getan. So ein kleines, kurzes bisschen Nachfragen.
Ist man "auf dem Ohr" irgendwie sensibler?

Na, das kann ja heiter werden. Mögen die Hormone mal schnell wieder zur Ruhe kommen und dem heiteren Pragmatismus Platz machen.

Schließlich ist es manchmal durchaus von Vorteil, wenn man nicht alles mitbekommt und anhören muss.

Kant allerdings sagte:

"Nicht sehen können trennt von den Dingen – nicht hören können von den Menschen"

Ha, mir fallen auf Anhieb ein paar Menschen ein, die sich freuen würden.....
Keine Chance. Ich hol mir mein Gehör zurück.
So leicht gebe ich nicht auf!

augenBloglich 23.01.2013, 16.26| (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL | einsortiert in: körperlich

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Marie
Toll, dass Du wieder bloggst!
Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr und hoffe, ich lese Dich nun wieder regelmäßig!
2.1.2015-4:56
Hanna
Nochmal herzlichen Dank für die Hilfe und du hast einen sehr tollen Blog ! (:
26.11.2011-16:21
Gartenfee
Hi, bist du gar nicht mehr hier am Werk??? Das wäre aber schaade.
25.2.2011-23:00
patricia
wie heißt deine lehrerin!!!!!!!!
1.3.2008-16:20
NIcole
Hey, ich find das super das Du Dich durchgesetzt hast bei den anderen Müttern. Ist doch egal was die sagen. Bin stolz auf Dich. lieben Gruß
NIcki
30.3.2007-9:25